Should I stay or should I go
Sven Oertel

Der Hurrikan Katrina hat das Lower 9th Ward Viertel in New Orleans bis auf die Grasnarbe zerstört. Robert Green verlor bei der Flut seine Mutter und eine Enkelin. Trotzdem ist er als Erster zurückgekehrt und kämpft nun dafür, dass auch seine Nachbarn zurückkommen. Denn auch zwei Jahre danach steht noch kaum ein neues Haus in dem Viertel. Da die Behörden viel reden, aber nichts tun, streckt nun sogar Bratt Pitt seine helfende Hand aus. Sven Oertel dagegen, der Kickbox-Kumpel von Pramod, hatte solche Sorgen nicht. Sein Haus in New Orleans stand sicher in einer der wohlhabenderen Gegenden. Nach dem Sturm verkaufte der Senior Consultant das Haus und machte es sich in einer Nachbarstadt amerikanisch gemütlich.

Blogeinträge zu "New Orleans"

Polternde Frische

“New Orleans ist schräg, aber schön”, sagte mir einer im Lower 9th Ward. Dieses Viertel hatte der Hurrikan Katrina vor zwei Jahren nicht nur zerstört, sondern schlicht ausgelöscht. Bis auf die grauen Betonfundamente ist nichts mehr übrig. Schön ist das nicht, aber der junge Mann meinte wohl eher die Innenstadt und ihren Flair. Dort steppt der Jazz-Bär. New Orleans liegt im Bundesstaat Louisiana. Und der wird mit LA abgekürzt. Deshalb wiederum nennen die Leute in und um New Orleans ihre Stadt immer nur Nola.

Im French Quarter, dem Touristenmagneten, klappern Touri-Pferdekutschen durch die Gegend, und täglich gibt es Live-Jazz bis die Ohren bluten. Doch obwohl der ganze Zirkus auch kommerzgebeutelt ist, bleibt Nola frisch. Denn die Künstler bewahren die Stadt vor der amerikanischen Spießer-Lethargie. Es laufen Punks umher, und in ollen Lagerhallen dengeln die jungen Leute an ihren Skulpturen aus Müll: Trash-Art. Obwohl sich natürlich auch längst Pseudo-Popper-Punks rumtreiben, bleibt Nola authentisch. Kurz davor war ich in Boston, die Stadt ist sauber, geradeaus und bestimmt ein angenehmes Pflaster für Rentner: Schön und nicht anstrengend. In Nola dagegen ist das Leben herzhafter. Der allgemeine Rotz poltert durch die Hirnwindungen, das ist schon anstrengender als das ölige Boston. Aber dadurch ist es auch irrationaler und deshalb lebendiger.

Im Lower 9th Ward ist es aber noch ziemlich tot. Die Flut, die Katrina gebracht hat, spülte mit den Häusern auch die Bewohner weg. Die Helfer der Nicht-Regierungs-Organisation Common Ground Relief bauen hier Stück für Stück die Häuser wieder auf. Doch Häuser ohne Bewohner machen auch keinen Spaß, also besteht der wichtigste Teil der Arbeit darin, die Geflüchteten zu überreden, wieder nach Hause zu kommen. Das ist auch Robert Greens Mission. Der 52-Jährige telefoniert, bis die Ohren glühen. Über 200 Kontakte von seinen ehemaligen Nachbarn hat er gesammelt, doch bislang steht er noch allein auf weiter Flur, in seinem weißen Wohnwagen, den er wie alle Katrina-Opfer von der US-Regierung gestellt bekommen hat. Green hat den kompletten Horror durchgemacht. Als Katrina kam, flüchtete er mit seiner sechsköpfigen Familie auf sein Hausdach und während sie samt Haus umhertrieben, verlor er seine dreijährige Enkelin in den Fluten, keine Stunde später starb seine Mutter.

Dass die Regierung es nicht hinkriegt, den Opfern zu helfen, macht beim Anblick des lower 9th Ward einfach nur sprachlos. Die Demokraten von Louisiana verstehen sich nicht so gut mit der republikanischen Bush-Regierung. Green prangert auf einem Schild vor seinem Wohnwagen an: “Mr. Bush, bauen Sie New Orleans wieder auf, nicht Irak”. Ein freiwilliger von Common Ground, er heißt Will, braucht für seine Kritik keine Worte: Auf seinem T-Shirt ist Bush mit blutigen Vampirzähnen am Hals der Freiheitsstatue zu sehen …