Armut im Wohlstand - Malte Fähnders

Dank des Tourismus boomt das Dorf Mindo in Ecuador. Doch in dem neuen Wohlstand sind viele Kinder trotzdem verarmt. Nicht materiell, sondern sozial. Wenn sich ihre Eltern überhaupt um sie kümmern, dann nur mit Schlägen. Beschäftigt werden sie mit Arbeit auf dem Feld. Als Entwicklungshelfer der Hilfsorganisation Salem hilft der Deutsche Malte Fähnders den Kleinen, damit sie zur Schule gehen und sich auf ihre eigentliche Aufgabe konzentrieren können: einfach nur Kind sein.

Blogeinträge zu "Ecuador"

Mindo meldet:

Malte Fähnders und Meike Jung melden sich aus Mindo, Ecuador. Zusammen mit ihren Pflege-Kids spielten sie die Hauptrolle in der erten Geschichte der ersten Ausgabe von Humanglobaler Zufall. Eben erreichte mich diese Mail, mit Bitte um Blog:

uniformgruppeklein.jpgdacetruppklein.jpgDie Zeit rennt. Das erste Trimester liegt fast hinter uns. Aber noch sitzen die Kinder im Salem-Haus Abend für Abend mit ihren Büchern in den Hängematten, in ihren Betten oder im Garten und pauken bis der Kopf qualmt. Für die Abschlusstestes muss stur auswendig gelernt werden: der Humboldt-Strom ist kalt und kommt vom Südpol, die Hauptstadt heißt Quito, was, zum Andenhahn, war noch der Blinddarm? So manch einer verliert schon zwischendurch die Nerven. Doch in diesen Momenten hilft meistens ein wenig Fußball oder Basketball. Oder wir schauen uns die kurzen Salem-Filme auf YouTube an, das macht immer Laune. Ein ganz großes Plus ist jedoch inzwischen unser neues Zentrum: die jetzt fertig gebaute und eingerichtete Küche!

kucheklein.jpguniform-treppe-klein.jpgPS: Und warum jetzt Krawatte? Weil wir jeden Tag für dreizehn frisch gewaschene und gebügelte Uniformen sorgen müssen. Eine Parade-Uniform, eine Uniform für den Alltag, und eine Sport-Unifrom. Wer das jetzt als vollkommen hineingesteigert empfindet, bekommt meine volle Zustimmung.

Zum Bild rechts oben: Ein paar von unseren Mädels treten mittlerweile recht erfolgreich als Girlgroup bei Dorffesten oder Hochzeiten auf. Mit einer astreinen Dance-Performance! Darunter: links lockt das Licht der neuen Küche nicht nur die Kids (Bilder darunter) sondern auch Amsel-große Nachtfalter an.

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Endlich: Gegrilltes Meerschweinchen

Ecuador ist ein gutes Land. Ich hab zwar nur das Dorf Mindo gesehen und ein wenig die Hauptstadt Quito, aber alle Ecuadorianer, die ich getroffen habe, waren freundliche, dezente und sehr angenehme Menschen. Kein penetrantes Gebettel, niemand wollte uns ungefragt etwas verkaufen.

In Mindo, dort, wo die erste Geschichte des ersten Heftes von Humanglobaler Zufall spielt, gab es einen interessanten Kontrast der Lebendigkeit. Wir kamen zum Karneval-Wochenende, die Touristen verstopften das 2500-Seelen-Dorf, überall war was los: Den reißenden Fluss ritten sie kreischend auf zusammengebunden Treckerreifen hinab (Tubing), über die Urwaldschluchten flogen sie, ebenfalls kreischend, an gespannten Drahtseile entlang (Canopy). Und als die Touristen am Montag das Dorf verlassen hatten, feierten die Mindenos auf ihre Art, touristenuntauglich. Mit Wasser fing alles an. Jeder wurde nass gemacht, dann kamen Mehl und Eier hinzu, einmassiert in die Haare. Ein astreiner Brotteig, der jedem Shampoo noch tagelang stand hielt. Ins Gesicht bekamen wir Achiote geschmiert, eine Frucht, die herrlich rot färbt, waschecht. Der Mob zog durch die Straßen und hat jeden verwüstet, der ihnen in die Quere kam. Und als keiner mehr kam, sind sie von Haus zu Haus gezogen und haben die Leute, auch Kommunalpolitiker, aus ihren Häusern gezogen und eingeschmiert. Bis das ganze Dorf aussah wie Schwein und die Sonne untergegangen ist. Klatschnass und eingeteigt tanzte das Dorf dann noch bis in die Nacht auf Mindos Straßen. Die waren dann bis zum nächsten Wochenende wieder wie ausgestorben, nur hier und da schlich ein Köter um die Häuser. Die Köter wurden beim Karneval übrigens auch nicht verschont, aber sie nahmen die Sache praktisch und leckten hinter dem Mob die Straßen sauber: lecker Mehlwasser und verkleckertes Ei.

In Quito gab es dann auch eine ecuadorianische Spezialität, die vor allem im Hochland verbreitet ist: Gegrilltes Meerschweinchen (Cuy). Viel ist nicht dran, die Haut ist wie aus dickem Gummi, aber an die Schenkelchen waren recht lecker. Und am Rücken, da sind sie besonders zart…

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Aus Mindo, Ecuador: Noch kein gegrilltes Meerschweinchen

Nach drei Tagen hatten wir das erste Mal Strom. Die Telekom-Firma Movistar hatte einen Funkmast an einer Stelle aufgestellt, wo es ihr verboten war. Ein paar Schmiergelder machten es möglich, aber dummerweise ist der Mast umgefallen, auf eine Stromleitung. Kein Strom in Mindo (wo ich bin, 2 Autostunden von der Hauptstadt Quito entfernt) und 20 km drum herum. Und Movistar musste für jede Stunde ohne Strom Strafe zahlen.

Der Regen ist moderat. Nachts schüttet es ganz gut und tagsüber dampfen die Modderwege. Gummistiefel sind was Feines, aber bei längerem Marsch unbequem. Längerer Marsch etwa zum großen Wasserfall. Fotos gibt es später, die Computer hier wollen das Handy nicht erkennen.

In Salem, dem Haus wo die Kinder versorgt werden, ist Bombenstimmung. Die Kiddies sitzen mir zu dritt im Nacken und zeigen auf die Worte Mindo und Movistar, die sie erkennen, und sie fragen, warum ich das schreibe, aber mein Spanisch ist ein Krüppel von Erklärung. Gerade räumen sie den Frühstückstisch ab, alle sind aufgeregt, weil wir heute Canopy machen. Das ist eine Touristenattraktion hier: an Drahtseilen über die Regenwaldschluchten gleiten. Heute ist es für alle Mindenos umsonst. Touris sind eh nicht da, die kommen nur am Wochenende ins 2400-Einwohner-Dorf-Mindo.

Insekten sind auch immer ein hübsches Thema in diesen Breiten. Am ersten Tag dachte ich: „Oh, was macht denn die Amsel hier im Zimmer?!“ Es war einer von diesen 30-Zentimeter-Faltern, die laut flatternd um die Lichter fliegen. Im Dorf kam eine Heuschrecke vorbei, so groß, dass die Leute ihre Kinder ins Haus holten. Aber zumindest im Hause Salem gibt es Che Guebaba, (neben Krimhild und Brunhild und Mietzi eine der vier Katzen), die Kakerlaken und Riesenfalter gnadenlos jagt und frisst, selbst die Falter mit den staubigen Flügeln. Nachts legt sie sich dann zu mir ins Bett, das kleine Mietzekätzchen, dem es nicht um Sympathie, sondern um das Abgreifen von Wärme geht. Mückenattacken halten sich in Grenzen.

Das Volk insgesamt ist sehr entspannt. Alle wandeln mit positiver Aura umher, naja, einige sind Alkoholiker, aber insgesamt sind alle sehr freundlich. Selbst mit roten Haaren werde ich nicht angestarrt oder von der Seite angequatscht, sehr angenehm.

Morgen geht´s zurück, erst nach Quito und dann übermorgen früh nach Deutschland. Gebratene Meerschweinchen gibt´s in Mindo nicht, vielleicht kann ich in Quito eins abgreifen…