The Making of

Aussergewöhnlich normal

Ich bin gerade in den USA, auf der AAAS-Konferenz in Boston, einer sehr grossen Tagung zur aktuellen Lage in der Wissenschaft. Dafür bedanke ich mich ganz unverblümt und herzlich bei der Robert-Bosch-Stiftung.

Die US-Amerikaner, im folgenden kurz Amis genannt, sind schon dufte Typen, allerdings sehr normal. Zumindest die auf der Konferenz hier. Sie sind so aussergewöhnlich normal, dass ein europäisches Gehirn bei Palavern gern mal in eine Art Lethargie verfällt, in eine Art Energiesparmodus. Inhaltlich ist zwar alles gut, aber charakterlich kommt nicht viel rüber, ausser Freundlichkeit und Nettigkeit und gutes Benehmen. Das lähmt etwas. Provokationen prallen nicht ab, sie werden in einem Pudding aus Freundlichkeit absorbiert. Aber wir sind hier ja auch nicht, um Freunde zu finden, sondern um Networking zu machen. Und das bedarf des Smalltalks, und in dieser Disziplin sind die Amis einfach unschlagbar. Auf den Konferenz-Partys schnacken sie beneidenswert hemmungslos wildfremde Leute an. Wie in einer brownschen Molekularbewegung treiben Sie so durch den Raum, prallen aneinander, reden kurz, tauschen Visitenkarten aus, treiben weiter, ganz unverbindlich. Dabei sind sie auf eine sehr professionelle Art und Weise normal. Ich schätze, das ist eine Buisiness-Normalität, die auch in anderen Ländern bei Meetings und Konferenzen vorherrscht. Also nix gegen die Amis.

Auf den AAAS-Parties waren sie kontrolliert ausgelassen. Die eine ging ging um halb acht los, erstmal Buffet (Truthahn, immer und immer wieder auf jedem Buffet trockenen Truthahn, dazu preisselbär-ähnliche Sosse). Dann Live-Musik, dann ein schickes Tänzchen und zack! ohne Gnade wird die Bar um halb elf geschlossen. Alle sind kurz vor dem alkoholischen Klimax, da geht um fünf nach halb elf auch schon ein dufte Typ durch Reihen und fordert die Leute auf, zu gehen. In einem Ton als wäre er der dickste Kumpel: “Hey Buddy, I’m John, what’s your name? Nice to meet you! How’s goin’, hope you enjoy yourself?! Anyway, I’m sorry, but we have to clean this place up now, you know, so could you please start leaving? But take your time, thanx, Buddy!”

Sehr erfrischend sind dagegen die Taxifahrer. Der eine war begeistert, Deutsche kutschieren zu dürfen und zeigte sofort seine ID, weil er so stolz auf seinen Namen ist: Juerken Wolfgangs, der Hautfarbe und dem Akzent nach zu urteilen eher aus Jamaika. Und in den Kneipen und Clubs sind die Leute normal aussergewöhnlich, besoffene, Sprüche klopfende Studenten, deren Freundlichkeit keine lähmenden Ausmasse hat, laute, gute Musik, gerne auch live oder mit Bauchtänzerin. Sehr angenehm. Allerdings gibt es knallharte Passkontrollen (in der Mariott-Hotelbar haben sie die guten Bundesdruckerei-Hologramm-Persos abgelehnt und uns nicht reingelassen, da lief nix ohne Reisepass, weil keine US-ID). Um ein Uhr ist Schluss, vor Feiertagen erlaubt das Gesetz (zumindest in Massachusetts) die Sause auch bis zwei Uhr. Dann aber schnell raus, raus, raus, please guys, get out!

Letzte Anmerkung: Alles ist grösser. Der kleinste Kaffee bei Starbucks ist “tall”, ein “regular” Kaffee bei anderen Coffeeshops beinhaltet einen halben Liter. Einen Koffein-Overflow ist allerdings nicht zu befürchten, da der Kaffee im allgemeinen so dünn ist wie ein Aerosol. Autos und Strassen sind sowieso grösser, aber selbst das Klopapier ist breiter. Und von wegen Resourcen schonen: Unter dem Vordach des Sheraton hängt eine Phalanx von Heizstrahlern, die rund um die Uhr den Gästen auf ihrem drei Schritt langen Weg von der Tür zum Taxi den Kopf wärmen.

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