Armut im Wohlstand - Malte Fähnders

Aus Mindo, Ecuador: Noch kein gegrilltes Meerschweinchen

Nach drei Tagen hatten wir das erste Mal Strom. Die Telekom-Firma Movistar hatte einen Funkmast an einer Stelle aufgestellt, wo es ihr verboten war. Ein paar Schmiergelder machten es möglich, aber dummerweise ist der Mast umgefallen, auf eine Stromleitung. Kein Strom in Mindo (wo ich bin, 2 Autostunden von der Hauptstadt Quito entfernt) und 20 km drum herum. Und Movistar musste für jede Stunde ohne Strom Strafe zahlen.

Der Regen ist moderat. Nachts schüttet es ganz gut und tagsüber dampfen die Modderwege. Gummistiefel sind was Feines, aber bei längerem Marsch unbequem. Längerer Marsch etwa zum großen Wasserfall. Fotos gibt es später, die Computer hier wollen das Handy nicht erkennen.

In Salem, dem Haus wo die Kinder versorgt werden, ist Bombenstimmung. Die Kiddies sitzen mir zu dritt im Nacken und zeigen auf die Worte Mindo und Movistar, die sie online casino erkennen, und sie fragen, warum ich das schreibe, aber mein Spanisch ist ein Krüppel von Erklärung. Gerade räumen sie den Frühstückstisch ab, alle sind aufgeregt, weil wir heute Canopy machen. Das ist eine Touristenattraktion hier: an Drahtseilen über die Regenwaldschluchten gleiten. Heute ist es für alle Mindenos umsonst. Touris sind eh nicht da, die kommen nur am Wochenende ins 2400-Einwohner-Dorf-Mindo.

Insekten sind auch immer ein hübsches Thema in diesen Breiten. Am ersten Tag dachte ich: „Oh, was macht denn die Amsel hier im Zimmer?!“ Es war einer von diesen 30-Zentimeter-Faltern, die laut flatternd um die Lichter fliegen. Im Dorf kam eine Heuschrecke vorbei, so groß, dass die Leute ihre Kinder ins Haus holten. Aber zumindest im Hause Salem gibt es Che Guebaba, (neben Krimhild und Brunhild und Mietzi eine der vier Katzen), die Kakerlaken und Riesenfalter gnadenlos jagt und frisst, selbst die Falter mit den staubigen Flügeln. Nachts legt sie sich dann zu mir ins Bett, das kleine Mietzekätzchen, dem es nicht um Sympathie, sondern um das Abgreifen von Wärme geht. Mückenattacken halten sich in Grenzen.

Das Volk insgesamt ist sehr entspannt. Alle wandeln mit positiver Aura umher, naja, einige sind Alkoholiker, aber insgesamt sind alle sehr freundlich. Selbst mit roten Haaren werde ich nicht angestarrt oder von der Seite angequatscht, sehr angenehm.

Morgen geht´s zurück, erst nach Quito und dann übermorgen früh nach Deutschland. Gebratene Meerschweinchen gibt´s in Mindo nicht, vielleicht kann ich in Quito eins abgreifen…

3 Kommentare zu “Aus Mindo, Ecuador: Noch kein gegrilltes Meerschweinchen”
  1. Nicole sagt am 16.04.2008 um 9:08 am :

    Juten Morgen

    Herrlich ehrlich geschrieben, spanndender “Alltag”.
    Bitte mehr davon:)

  2. Gregor sagt am 21.04.2008 um 10:06 pm :

    Puuuaaahrg.. Gebratene Meerschweinchen? Wie kann jemand, nur um sich die Aura des weltgewandten Abenteurers zu geben, so etwas essen? Als Vegetarier unterscheide ich beim Aasfressen nicht zwischen den unterschiedlichen Tieren, aber das hier (ohne Not) öffentlich zum kurzweiligen Heldenstück zu machen bedeutet, sich selbst über das Leben anderer zu stellen - andernfalls zu akzeptieren, dass man für ein anderes Individuum dann eben auch nicht so wichtig ist. Auch ein solches Tier hat Empfindungen. Dir scheint das ziemlich egal und Du wirst es wahrscheinlich meine Worte als Gutmenschengebrabbel abtun, trotzdem…
    Gruß,
    ein Leser

  3. Michael Stein sagt am 27.05.2008 um 7:59 pm :

    Hallo an Dennis und die Redaktion,

    durch Zufall las ich in der SZ von HGZ, hielt die Idee für ganz schön verrückt, gab meiner Neugier aber nach und kaufte mir das erste Heft, worin sich die darin entfaltete Zufallskette gleich auf mich übertrug: die erste Geschichte spielte ausgerechnet in Mindo, wo ich 2001/02 und 2005 für einige Monate gewesen bin und eine tolle Zeit erlebt habe. Allerdings, und das muss ich kritisch anmerken, habe ich Mindo in diesem Artikel nicht wiedererkannt. SIcherlich hat sich in den letzten Jahren eine Menge getan, was nicht unbedingt zum Vorteil dieses magischen Dorfes war, aber was der Artikel dann von Mindo einfängt, ist doch sehr mager und enttäuschend, wenn man weiß, welche verrückten und leidenschaftlichen Geschichten dieser Ort zu präsentieren hätte. Ich bin während meines ersten Aufenthaltes mitten in die turbulente Zeit der Protestaktionen gegen die Ölpipeline OCP hineingekommen. Das Dorf war tiefgespalten in Befürworter und Gegner und es wurden über Monate hinweg leidenschaftliche Protestaktionen geführt zum Schutze des einmaligen Schutzwaldes Mindo-Nambillo. EInige Mindenos haben sich über Wochen in Bäumen verschanzt, um die Arbeiten an der Pipeline zu stoppen, haben Gefängnistrafen in Kauf genommen für ihren Protest gegen ein Projekt, was in vielen Fällen jenseits des Gesetzes zustande kam. Darüber müsste man berichten, wenn man über Mindo schreibt. Darüber, dass es am Rande eines der beeindruckensten Naturreservate der Welt liegt. Dass im Mindo-Nambillo-Regenwald die höchste Vogelartendichte der Welt herrscht und wie Mindo zu einem Zentrum des Ökotourismus und des Naturschutzes geworden ist. Schon vor Jahren durch die engagierte Arbeit einiger sehr beeindruckender Leute aus dem Dorf wie z.B. Pedro Penafiel. Erst im Zuge dieser Errungenschaften des Ökotourismus kamen auch vermehrt “normale” Touristen, die weniger an der Natur als vielmehr an Events interessiert waren. Die Bilder mit dem Karussell im Hintergrund fand ich schockierend. Viele Mindenos, die ich kenne, gerade von den Jungen, sind in den letzten Jahren nach Europa ausgewandert. Frustriert, weil sie keine Zukunft sehen und sich von dem aufziehenden Massentourismus abwenden. Man könnte darüber berichten, wie in Mindo seit Jahren ein Mülltrennungssystem funktioniert - ein Pionierprojekt für diese Land. Wie engagierte Naturschutzgruppen sich um den Erhalt dieser einmaligen Natur kümmern und aktie Umwelterziehung bei der Bevölkerung betreiben, um zu begreifen, in welch El Dorado die Menschen dort leben. Mindo hat wahrhaft eine ganz eigene Aura - zumindest habe ich es so erlebt bei meinen beiden Aufenthalten. Karneval habe ich dort nie erlebt. Ich habe erlebt, wie Gruppen aus dem Dorf im Morgengrauen auf einem Laster auf Pipelinebaustellen fuhren, um diese friedlich zu besetzen. Wie in den Straßen die WM-Qualifikation Ecuador gefeiert wurde. Wie abends in abgelegenen Ecken Hahnenkämpfe stattfanden.
    Ich habe Mindo zu sehr in mein Herz geschlossen, als dass mir dieser doch sehr oberflächliche Artikel genügen könnte, der ein Bild dieses Ortes präsentiert, was diesem nicht gerecht wird.
    Und trotzdem hat es mich gefreut, dass das Heft mir mit seinem kühnen Ansatz gleich gerecht wurde und mir dieser Zufall vor die Augen trat.
    Das einem zu Mindo nichts besseres einfällt als gebratene Meerschweinchen ist echt schade, die gibt es übrigens eher im Süden Ecuadors Richtung Ambato oder Cuenca. Es ist ein Klischee über Ecuador wie die Hühnerkrallen in der Suppe. Dahinter lautern aber noch die wirklichen Geschichten, vielleicht beim nächsten Mal…

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